IFAK -Statement zum Anschlag auf den CSD in Berlin
Unsere gemeinsame Trauer und gesellschaftliche Realität
Wir trauern mit den Angehörigen und Freund*innen der Ermordeten sowie mit den verletzten Opfern des Anschlags auf den CSD in Berlin.
Dieser schreckliche Angriff und die unzähligen verachtenswerten Reaktionen in den sozialen Medien verdeutlichen einmal mehr, wie Diskriminierung, Herabwürdigung und die Bedrohung der körperlichen sowie mentalen Unversehrtheit zur täglichen Realität queerer Menschen gehören. Sie erleben derzeit eine drastisch zunehmende politische und gesellschaftliche Anfeindung sowie eine Ignoranz für ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Auch rechte Kräfte ebnen per Wahlprogramm den Weg für Hetze und Diskriminierung gegen vielfältige Lebens- und Liebensweisen.
Kritik an Politik
Jegliche Bekenntnisse aus der Politik kommen nun zu spät, hatte die Bundesregierung doch mit dem Verbot der Regenbogenfahne zum CSD im Bundestag ein klares Zeichen gegen die Community
gesetzt. Auch die Neuausrichtung des Programms Demokratie Leben, sieht keinen Schwerpunkt mehr in der Stärkung und dem Schutz queerer Selbstorganisationen, sowie der Prävention gegen Queer- und Transfeindlichkeit vor, sondern fördert die so wichtige spezifische Arbeit lediglich unter dem „Sammelbegriff“ gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Steigende Gewalt und Bedrohungslagen
Und das alles, obwohl es noch nie so viele Übergriffe und Anfeindungen gegen queere Menschen in Deutschland gegeben hat. Seit 2010 hat sich die Summe der Angriffe auf 2.377 verzehnfacht. Allein im letzten Jahr ist sie um 12,8% zum Vorjahr gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte noch ein Vielfaches höher sein, da Queere Menschen leider auch bei Sicherheitskräften immer wieder Diskriminierung erleben müssen.
Schon längst gehören Menschen der Community zur Zielgruppe verschiedener Menschenfeindlicher Ideologien, sowohl aus dem rechten als auch dem extremistischen religiösen Spektrum.
Die Rolle und Grenzen der Präventionsarbeit
Als Träger der Islamismus-Prävention hat uns dieser Anschlag schwer getroffen. Es stellt sich zwingend die Frage, ob solche Taten zu verhindern sind und was die Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit leisten kann.
Unsere Antwort ist klar: Distanzierungsprozesse brauchen Zeit und Vertrauen; sie führen nicht nach drei Gesprächen zum Erfolg. Selbst die Clearingphase ist nicht mit einem Gespräch abgeschlossen. Präventionsarbeit verfügt über erfolgreiche Methoden und Ansätze, die jedoch niemals eine 100% Sicherheit geben können, da es auch Rückfälle geben kann.
Radikalisierungsprozesse wie die des Berliner Attentäters entwickeln sich selten von heute auf morgen. Sie zeichnen sich längerfristig ab, durch Rückzug, Isolation, Änderung im Verhalten, Sprache und Habitus. Sie werden nicht selten auch von psychischen Störungen und Erkrankungen begleitet. Faktoren wie Diskriminierung -und Mobbingerfahrungen, Probleme im Elternhaus, Soziale Isolation, Drogenkonsum und Gewaltbereitschaft, sowie Traumata, eigene Missbrauchs- und Gewalterfahrungen sind hier oft Auslöser und Brandbeschleuniger für eine Zuwendung zu einer extremistischen Ideologie.
Forderungen für eine nachhaltige Prävention
Damit die Arbeit mit radikalisierten Menschen nachhaltig wirkt, muss sie langfristig gewährleistet sein. Sie braucht starke, verbindliche und schnell zu aktivierende Netzwerke, die Hand in Hand arbeiten. Auch die Zusammenarbeit mit Sicherheitskräften muss transparent und verbindlich geklärt sein.
Dennoch bleibt festzuhalten: Wir können nur mit jenen Menschen an einer Distanzierung arbeiten, die bereit sind, sich darauf einzulassen und einen entsprechenden Willen entwickeln.
Verantwortung und Ausblick:
Abschließend betonen wir: Unsere Arbeit in der Islamismus-Prävention leistet einen zentralen Beitrag zur Sicherheit der Bevölkerung, auch wenn eine hundertprozentige Garantie niemals möglich sein wird. Nur durch die professionelle Arbeit von Prävention, Sicherheitskräften und Justiz lässt sich das Risiko für Anschläge minimieren, wenngleich es nie vollständig auf null reduziert werden kann. Aber die professionelle zivilgesellschaftliche Präventionsarbeit benötigt dringend finanzielle und Strukturelle Sicherheit, Wissenschaftliche Evidenz, Vertrauen und Planungssicherheit.
Als transkultureller Träger werden wir uns dafür einsetzen, dass der CSD in den kommenden Jahren wieder zu dem werden kann, was er ist: Ein politisches Statement, ein Ruf nach Gleichberechtigung, ein Fest der Wertschätzung, der Freude, der Demokratie und der Selbstbestimmung.“











